Presse - 8.Januar.2007 I 16.April 2003
Braunschschweiger Zeitung am 8.Januar 2007 :

,,Bio" braucht einen langen Atem

Harald Hentschel: Lieferengpasse bei Bio-Lebensmitteln sind vor allem ein Problem der großen Handelsketten

Von Toni Korporal

HELMSTEDT. ,,Bio-Lebensmittel wie Gemüse, Eier und Fleisch knapp" - so eine Meldung unserer Zeitung in der vergangenen Woche. Harald Hentschel und Annegret Schaper, die in Helmstedt den Bio-Markt Via Verde betreiben, haben damit keine Sorgen. Aber auch keinen Grund zur Schadenfreude.

Harald Hentschel zieht im Gespräch. mit unserer Zeitung eine dicke Trennlinie zwischen den Großen Handelsketten, die in den vergange¬nen Monaten auf den Bio-Zug aufgesprungen sind, und den kleinen Händlern, die seit vielen Jahren im Geschäft sind. Letztere - und ihre Kunden - hatten sich vielfach bereits vor rund 30 Jahren Gedanken darüber gemacht, wie man die Lebensmittelproduktion in Einklang mit der Natur gestalten kann.
,,Wir haben langfristige Vertrage mit den Erzeugern abgeschlossen", so Hentschel. Der Handel habe den zur Umstellung auf Bio-Landwirtschaft bereiten Landwirten ein bestimmtes Abnahmevolumen pro Jahr zu einem bestimmten Preis garantiert, wodurch eine ganz neue Struktur geschaffen worden sei. ,,Der Bio-Markt hat sich völlig separat vom konventionellen Markt entwickelt. Der Bio-Erzeuger hatte die Gewissheit, dass der für seine Produkte den höheren Preis bekommt", sagt Hent¬schel. Diese Entwicklung sei kontinuierlich vorangetrieben worden, die Flachen für Bio-Produktion seien allmählich, dem Bedarf angemessen, ausgeweitet worden.
Dann kamen die Lebensmittelskandale, und die bisherigen Käufer konventioneller Lebensmittel ,,gerieten in Panik". Harald Hentschel nennt sie mit einem Schmunzeln ,,BSE-Kunden". Bio-Erzeuger weiteten ihre Anbauflächen aus, mussten
aber vielfach feststellen, dass die explodierende Nachfrage mit dem Verschwinden des Themas aus den Medien bald wieder abebbte.

Bis vor kurzem jedenfalls, als die großen Lebensmittelketten den Bio-Sektor als Gewinnbringer entdeckten. Die Vorarbeit dafür haben sie nach Hentschels Auffassung allerdings nicht geleistet. So müssen Bio-Lebensmittel aus allen Teilen der Welt geordert werden. Die morgen zwar für den Verbraucher gesund sein. Ökologisch sinnvoll sind die globalen Warenflusse aber nicht - zumal auch sie das Versorgungsproblem nicht mehr losen können. Bei den ,,Rennern" unter den Biowaren wie Mohren, Eier, Butter, Kartoffeln und Milch zeichnen sich für große Händler veritable Engpasse ab. Auf die Lieferkapazitäten, die sich die ,,Kleinen" in Partnerschaft mit den Erzeugern über Jahrzehnte aufgebaut haben, haben die ,,Großen" keinen Zugriff.
Hentschel hofft, dass sich - auch regional - die Zahl der Bio-Produzenten und -Verarbeiter erhöht. Und dass noch mehr Verbraucher erkennen, dass ,,Bio" mehr ist als eine Marke.

Große Öko-Anbauverbande:
- Bioland (4540 Biobauern und 720 Lebensmittel-Hersteller, Vereinsgründung Mitte der 70er-Jahre)
- Demeter (propagiert die „ Biologisch-Dynamische Wirtschaftsmethode", Etablierung des Warenzeichens Ende der 20er-Jahre, 1350 Landwirte in Deutschland, 3200 weltweit);
- Naturland (internationale Zertifizierungsorganisation im Öko-Landbau, 1982 gegründet, betreut 46000 Landwirte und Erzeugergruppen).
Informationen:
»Internet-Portal des ,,Bundesprogramms Ökologischer Landbau" unter www.oekolandbau.de


letztes Update 31.01.2014
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